Der Freytag: Barfuß oder Lackschuh – warum seh’ ich überall nur noch Turnschuh?

»Alles, was ein Schriftsteller oder Dichter – vielleicht – schreibt, sollte ja Kritik sein.« (Thomas Bernhard im Interview; Thomas Bernhard – TV-Dokumente 1967-88; Link: https://www.youtube.com/watch?v=u_JmvKCvdi8).

Neulich besuchte ich die Premiere von Lohengrin in Wien; Christian Thielemann dirigierte in seiner – wie von mir erwarteten – Höchstform. Lohengrin: »Nie sollst du mich befragen …« und ich sag’s trotzdem: Überall nur noch Turnschuh’. Seit Wien seh’ ich überall nur noch Menschen mit Turnschuhen – in allen möglichen Farben.

Früher – lang, lang ist’s her – ich war noch jung und die Pubertät hatte mich fest im Griff: Auch ich trug Turnschuh – sowohl beim Sport als auch im Alltag. Letzte Woche war ich in der wunderschönen Oper in Wien und war dem Rahmen entsprechend gekleidet und trug Lackschuh. Aber ich sah auch andere Opernbesucher in Sportschuhen durch die Oper spazieren. Neu ist das zwar nicht für mich und mich schockiert auch so manches Opernverhalten nicht mehr – man gewöhnt sich ja fast an alles – und selbst im Bayreuther Festspielhaus tragen seit Jahren die Besucher zum Teil Sporttreter – aber es gefällt mir trotzdem nicht, diese Unart.

In jungen Jahren genoss ich die Einführung in den Gesellschaftscomment; lernte gutes Benehmen und das richtige Verhalten zu bestimmten Anlässen wie Bällen, Gala-Dinner etc. Großen Wert wurde dabei auf die richtige Kleiderordnung gelegt und seit damals besitze ich Anzüge, Smokings und natürlich auch Lackschuhe. Gestern trug ich wieder einmal Turnschuh: Ich war wandern im Wald. Ein Großteil der Menschheit trägt aktuell an allen möglichen und unmöglichen Orten Turnschuh; selbst in der Oper ist man nicht sicher vor dem Turnschuhanblick. Seit dem Opernbesuch in Wien – warum auch immer – stechen mir die Sneaker direkt ins Auge. Ich frage mich: Warum nur? Soll ich mich der Mehrheit beugen und wieder zurück in die Pubertät verfallen und Turnschuh tragen? Ein grauenvoller Anblick: Anzug mit Turnschuh; schlimmer noch: dunkler Anzug, weißer Turnschuh.

Ein Opernabend ist etwas Besonderes und eine Premierenveranstaltung umso mehr. Aber ich vertrete offensichtlich nicht die Mehrheitsmeinung und der Turnschuh ist zum Usus mutiert. Seit ein paar Wochen besuche ich einen Kurs für Stimmbildung und Gesang und eines der Lieder, das wir gemeinsam singen, stammt von Harald Juhnke: Barfuß oder Lackschuh. An ihn erinnere ich mich noch sehr gut. Als Kind war ich oft bei meiner Oma zu Besuch und wir sahen immer die vielen bunten Samstagabend-Sendungen mit Harald und besonders gut erinnere ich mich noch an seinen Kleidungsstil. In Wien ist Harald wieder auferstanden; ich musste oft an ihn und an sein Lied denken: »Barfuß oder Lackschuh …«

Im Liedtext steht die Zeile: »Leg ich mir ‘nen Frack zu oder komm ich vor Gericht?« Sicher wird jetzt niemand vor Gericht landen, wenn er Turnschuh in der Oper trägt; auch von einer gesetzlichen Altersgrenze für das erlaubte Tragen von Turnschuhen oder für das Errichten von No-Go-Zonen für Sportschuhträger sind wird noch weit entfernt. Aber man mag schon noch leise darüber nachdenken dürfen, was als nächstes für Unsitten und Unmöglichkeiten auf uns zurollen können? FKK in der Oper vielleicht? Oder das Kiffen im Theater? Dann bin ich aber definitiv raus; auch wenn dann mein kleines Turnschuh-Comment-Problem hinter dem Nichtigkeitshorizont verschwindet: Zugekifft und nackt in der Oper, man mag sich das gar nicht erst vorstellen wollen. Ich bleibe jedenfalls meinen Lackschuhen in der Oper und meinem Thomas Bernard beim Schreiben treu: »Alles, was ein Schriftsteller oder Dichter – vielleicht – schreibt, sollte ja Kritik sein.«

S.

Der Freytag: DerFreytag.de

PS: Impressionen aus Wien, Opernleben, Lackschuh und so weiter …