Lyrik: Am Horizont

Am Horizont

Keine sicheren Häfen.
Nirgendwo.
Und am Horizont
brennt noch Licht.

Die Welt bricht langsam in sich zusammen,
wir stehen schweigend vor den Flammen.
Die Erde fiebert, Leben vergeht,
der Wind hat längst schon umgedreht.

Kinderaugen blicken gebannt
auf Bilder aus einem brennenden Land.
Und jeder spürt, doch keiner spricht:
Etwas kommt. Wir kennen es nicht.

Ist das der Plan?
Ist das der Preis?
Dass jeder ahnt
und keiner weiß?

Am Horizont steht das Unvorstellbare,
wir zählen Nächte, wir zählen Jahre.
Kein sichrer Hafen, kein festes Land,
nur diese Welt in unserer Hand.

Am Horizont wird der Himmel schwer.
Sag, wer hält uns, wenn nichts hält mehr?
Wir hören das Eis unter uns zerbrechen.
Wer wird morgen noch von Frieden sprechen?

Leg etwas Brot und Wasser zurück,
im Schrank ein Rest vom alten Glück.
Im Radio läuft ein Liebeslied,
während die Angst durch die Zimmer zieht.

So wenige Seelen, die sich bewahren,
was wir als Kinder einmal waren.
Die andern treiben den Abgrund hinab,
geben die letzten Gewissheiten ab.

Das Alte bröckelt,
der Boden bebt.
Wir halten fest,
was noch in uns lebt.

Am Horizont steht das Unvorstellbare,
wir zählen Nächte, wir zählen Jahre.
Kein sichrer Hafen, kein festes Land,
nur diese Welt in unserer Hand.

Am Horizont wird der Himmel schwer.
Sag, wer hält uns, wenn nichts hält mehr?
Wir hören das Eis unter uns zerbrechen.
Wer wird morgen noch von Frieden sprechen?

Neunzehnhundertvierzehn.
Neunzehnhundertneununddreißig.
Neunzehnhundertfünfundvierzig.
Hiroshima.
Ein Schatten bleibt.

Deutsche Soldaten auf polnischem Boden.
Erinnerung steht mit im Raum.
Auf Karten liegen mögliche Kriege.
In Kinderzimmern zerreißt ein Traum.

Die Welt zittert.
Ein Kind fragt: Warum?
Wir stehen daneben.
Und bleiben stumm.

Am Horizont steht das Unvorstellbare,
hinter uns liegen die verlorenen Jahre.
Kein sichrer Hafen, kein festes Land,
noch liegt ein Morgen in unserer Hand.

Am Horizont wird der Himmel schwer.
Ich will, dass da mehr als ein Ende wär.
Noch können wir dieses Schweigen brechen.
Noch können wir miteinander sprechen.

Keine sicheren Häfen.
Nirgendwo.
Ein Kind greift nach meiner Hand.
Ich halte sie fest.

S.

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