Der Freytag: 2023 liest sich anders als 2022 – es denkt sich auch anders – Sapere aude

2023: Vermutlich wird vieles überdacht werden müssen. – Destruktive Systeme offenbaren sich von selbst. Früher oder später. Im Moment stehen die Anzeichen mehr auf früher als auf später und dieses früher könnte bereits 2023 eintreten.

Im kommenden Jahr wird kein Lohengrin in Bayreuth aufgeführt – wie schade. Am 15.8.20 wäre Parkett rechts, Türe VII, Reihe 30, Platz 3 der meine gewesen. Doch der Konjunktiv lässt es bereits vermuten: Ich sah kein Lohengrin – niemand sah in diesem Jahr eine Wagneroper auf dem Grünen Hügel. 2020 war eines der Un-Jahre; es stand im Zeichen von C* und so erlebten wir alle, jeder für sich in seinem ge-lock-down-ten atomaren Eigenraum, sein ihm eigens auferlegtes Schicksal; das sich in seiner dramaturgischen Bandbreite nicht größer hätte voneinander unterscheiden können.

Dennoch liegt den Menschen der hoffnungsvolle Blick nach vorne im Blut – Gott sei‘s gedankt. Kein Lohengrin in Bayreuth ist das Klagen auf hohem Niveau; ich bin mir dessen völlig bewusst. Die wirklich schweren Dinge erträgt man sowieso für sich alleine in der Stille; dies ist auch eine Form von Toleranz; eine Ausprägung von Duldsamkeit; die meisten von uns zeichnet diese Eigenschaft aus. Ich vermute, dass wir die ge-lock-down-ten Erlebnis- und Lebensräume nicht mehr in der Form erleben werden, wie dies in den Jahren zuvor der Fall war. Seit C* ist für mich eines sicher; nämlich dass eben nichts mehr sicher ist. Dinge, die ich vor C* für unmöglich hielt, haben sich ereignet – hautnah, sie sind geschehen.

Im Laufe der deutschen- und europäischen Geschichte gab es zahlreiche Ereignisse, die keine Sternstunden der Menschheit waren; vielmehr zeugen sie von Handlungen, die nur aus den Tiefen des Hirnstamms – auch Reptiliengehirn genannt – hervorquellen konnten, um Leid und Elend Fuß fassen zu lassen. Aufgrund des Geschichtsunterrichts dachten wir gut gewappnet zu sein, Dinge schienen unvorstellbar und es hatte den Anschein, dass wir alle gelernt haben. Ich habe viel gelesen in den letzten C*-Jahren, vieles über Menschen und Gesellschaften verstanden und vor allem gelernt: Geschichte wiederholt sich, der Mensch ist fehlbar, wenn die äußeren Parameter stimmen, ist auch das Undenkbare denkbar, das Unmögliche möglich.

Fragen in den Bereichen: Moral, gesellschaftlicher Umgang Miteinader, Freiheit in Wort und Schrift, Offenheit für Debatten, Vermeidung von Ausgrenzung (anderer, Menschen anderer Meinungen), guter Ton, Aufrichtigkeit, Sprache werden wir neu denken müssen, wenn wir aus der derzeitigen Abwärtsspirale ausbrechen möchten.

2023 eröffnet uns die ganz große Chance, Rückschau zu halten; das gemeinsame Miteinader wieder zu finden und um zu verzeihen; Menschen sind fehlbar. 2023 eröffnet uns auch die Rückbesinnung zu alten Traditionen; früher wurde noch in Büchern gelesen; es gab keine technischen Ablenkungen, der Geist war mehr gefordert, die Konzentrationsfähigkeit war höher. An dieser Stelle gebe ich euch eine kleine Literatur-Empfehlungs-Liste und rufe dazu auf: Habe Mut, dich des Lesens zu bedienen, um deinen Verstand zu schulen! – Natürlich ist dies die Anspielung auf: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« (Immanuel Kant). – In Anlehnung an: Sapere aude! Ein lateinisches Sprichwort, es bedeutet: Wage es, weise zu sein! – Das Zitat stammt aus dem ersten Buch der Episteln (Briefe), die der römische Dichter Horaz 20 v. Chr. veröffentlichte.

In diesem Sinne euch allen eine frohe, besinnliche, nachdenkliche Weihnachtszeit und einen guten und fulminanten Start ins neue Jahr 2023 – Sapere aude!

S.

 

Literatur-Empfehlung 2023:

[1]: Stefan Aust, Zeitreise, die Autobiografie. Kann ich sehr empfehlen; ein sehr kurzweiliges Buch; was Hr. Aust in seinem Leben als Journalist beim Spiegel erlebte, war außergewöhnlich.

[2]: Tom Hillenbrand, Der Kaffeedieb. Kaffee ist überall auf der Welt beliebt; dieser Roman beschreibt, wie der Kaffee, die Kaffeebohne nach Europa kam. Ebenfalls ein sehr kurzweiliges Buch.

[3]: Erich Kästner, Das Blaue Buch, Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945. Ein Muss, um die dunkle Zeit in Deutschland aus der Beschreibung von E. Kästner zu sehen und zu verstehen.

[4]: Uew Wittstock, Februar 33, Der Winter der Literatur; sollte man gelesen haben; spannend zu lesen und zu erfahren, wie die Eliten der Literatur die Zeit von 1933 und die Machtergreifung in Berlin erlebten.

[5]: Max Frisch, Homo Faber, Ein Bericht. Ein Muss der deutschen Nachkriegsklassiker.

[6]: Ferdinand von Schirach, Nachmittage. Da ich zwischenzeitlich zu einem großen Fan von F. v. Schirach wurden, seinen Stil und Sprache liebe, eine Top 1 Leseempfehlung.

[7]: Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten. Auch eine Top 1 Leseempfehlung.

 

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