Der Freytag: Le savoir-vivre

Leider gab uns das Leben bei der Geburt keinen Beipackzettel mit auf den Weg, auf dem der Punkt: Le savoir-vivre mit aufgeführt ist. Beim schönsten Sonnenschein im Sommer wird keiner diesen Spickzettel zur Hand nehmen, um Orientierung zu finden. Aber wenn das Lebenswetter umschlägt und der Wind anfängt, heftiger ins Gesicht zu peitschen, dann, ja immer dann wäre diese Navigationshilfe nützlich.

Aus den vielen kleinen Lüftchen hat sich in der Zwischenzeit ein gewaltiger Sturm in den europäischen Gesellschaften entwickelt, und wenn man die Medien ungefiltert auf sich wirken lässt, verfinstert sich das Dasein und Hoffnungslosigkeit kann die Oberhand gewinnen. Ich denke: Die Welt muss doch besser sein als all das, was uns aus den unterschiedlichsten Nachrichten-Haubitzen entgegengeschossen wird. Wahrscheinlich sind viele Medienkonsumenten schon zu sehr auf das Schlechte und auf das Emotionale konditioniert.

Aber es gibt auch Auswege aus dieser Schlechten-Welt-Falle. Schreiben wir uns doch einfach den Beipackzettel selbst. Was könnte Le savoir-vivre bedeuten? Vielleicht: Werde achtsamer für die kleinen schönen Momente.

Photo: Im Park von Versailles

Im Park von Versailles stand ich einst an einem nebligen Oktobermorgen. Es war zauberhaft und nicht von dieser Welt: ein Moment mit viel Achtsamkeit für den Augenblick (siehe Photo). Die Geradlinigkeit der Bäume, der Linien, die versuchen, ins scheinbar Unendliche hinüber zu gleiten und zu verschwinden; die Stille an diesem Ort – all dies wirkte wie ein Sternstundenmoment aus dem Roman von Stefan Zweig skizziert. Es war eine lyrische Zusammenkunft zwischen diesem Ort und mir.

Welches Herz wohl lebendiger in meiner Brust schlägt? Ist es mein Deutsches, das mich zur Gründlichkeit und fast schon zur Selbstaufgabe nötigt, um meine Pflicht zu erfüllen, oder ist der französische Teil – ein sehr alter Teil -, der immer wieder anklopft und spricht: Le savoir-vivre? In Momenten wie an diesem Samstagmorgen spüre ich das Leben, die Natur, mich selbst und mein Blick nimmt Abstand vom Alltag. Am Horizont die dunstigen Schleier des Oktobernebels und ich mitten in Frankreich mit meinen Gedanken zum Teil hier und zum anderen Teil in meiner Heimat in Deutschland: ein Moment voller Achtsamkeit.

Die Zukunft liegt für uns alle im Nebel. Vieles hat sich zu einer Quais-Selbstverständlichkeit entwickelt, wie der Friede in Europa, der mir diesen Moment in Frankreich schenkte; Selbstverständlichkeiten machen uns häufig blind, denn selbstverständlich gibt es nicht, mit ihr geht auch immer die Notwendigkeit einher. Durch selbstverständliche Annahme übersehen wir leider auch häufig das Schöne in einem kurzen Augenblick, den uns das Leben schenkt. Dass ich im Park von Versailles stehen konnte, um über das Leben und über Deutschland und Frankreich nachzudenken, ist ein hohes Gut, es ist aber nicht selbstverständlich. Le savoir-vivre bedeutet auch zu wissen, woher man kommt und wohin man gehört. Zu Le savoir-vivre gehört für mich genauso ein inspirierendes Gespräch über Kunst, Literatur und Musik, wie das Sitzen in einem Kaffeehaus und beim Genuss des Kaffees die Welt und die Menschen zu beobachten. Und jetzt seid ihr an der Reihe; was steht auf euren Le-sovire-vivre-Beipackzetteln?

S.

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