Ein Brief nach England – Türen

Guten Tag E., guten Tag P.,

wie doch die Zeit verfliegt. Es müsste jetzt knapp vor zehn Jahre gewesen sein, als wir uns das letzte Mal begegnet sind. Es war – und ich erinnere mich noch sehr gut daran – auf einer Pferderennbahn; ich bin gerade angekommen, musste mich noch orientieren und meine Begleitung und ich suchten eine Garderobe. Und genau bei dieser Suche sind wir uns dann schließlich begegnet. Die gewöhnliche Distanz, die Menschen zueinander verspüren, wenn sie sich das erste Mal begegnen, die war bei uns überhaupt nicht vorhanden, vielmehr gingen wir sehr vertraut miteinander um. Auch scheint ihr gleich auf Anhieb verstanden zu haben, wonach wir suchten, und ihr öffnete eine Tür, die direkt in den – auf mich sehr dunkel wirkenden – Keller führte. Irgendwie erinnerte mich dieser Anblick an ein altes Sportheim mit den alten Holzvertäfelungen und diesem holzigen Geruch, der sich mit Schweiß, Bier und der Zeit zu einem sehr markanten und strengen Duft vermischt, der sicher nicht mehr aus diesem Material zu treiben ist; er wird wahrscheinlich bis ans Ende seiner Tage dort eingeprägt bleiben. Und so war ich dann auch nicht dazu zu bewegen, diese Stufen abwärts zu schreiten – ihr wisst ja sicher, aber ich wusste ja auch …
Die Kleidung noch unter unseren Armen geklemmt und nach einem freundlichen und wissenden Nicken sind wir dann weiter gezogen; schade eigentlich, aber die Betriebsamkeit der Zeit lässt uns so schwer verharren und wie heißt es so schön: Zeit ist Geld. Ein Schauspiel für Minuten, eine Erinnerung für die Ewigkeit; möchte man, wenn man es philosophisch auszudrücken versuchte, meinen. Wie schön, dass einem die Gedanken – zumeist – selbst gehören; ich hörte mal von fünf, sich am Wasser befindlichen, Taoisten, die auch gerne wissen wollten, was sich gedanklich so bewegt, in bestimmten Köpfen; aber so ist es nun mal, außen sind alle gleich, scheinbar, das im inneren bekommt man erst mit, indem man prüft. Zwischenzeitlich wird dann doch die Luft auch etwas dünner, ich werde das weiterhin beobachten, zwar nicht zielgerichtet, aber dennoch mit etwas Aufmerksamkeit. Die Familie, so wie ich es aus den Medien ersehen konnte, lernt auch nur sehr schwer hinzu; zu sicher und zu fest wird an die alt geglaubten Dinge festgehalten – aber auch hier, die Tür ist offen, gehen muss man selbst.

Ich grüße
S.