Der Freytag: Caspar, Melchior und Balthasar – ich war einer von ihnen

»Die heil’gen drei König’ mit ihrigem Stern, die kommen gegangen, ihr Frauen und Herrn. Der Stern gab ihnen den Schein; ein neues Reich geht uns herein.«1Die heil’gen drei König’ mit ihrigem Stern. https://www.lieder-archiv.de/die_heilgen_drei_koenig_mit_ihrigem_stern-notenblatt_200049.html Die Anfangstrophe ist mir immer noch geläufig. Das Lied habe ich vor gut 35 Jahren gelernt und ich war einer von ihnen, von den Heiligen Drei Königen.

Als Katholik in Bayern geboren und aufgewachsen, war es selbstverständlich ein Ministrant zu sein. Mein Religionslehrer in den ersten Jahrgangsstufen war zugleich auch der Dorfpfarrer und als er eines Tages im Unterricht fragte: »Wer von euch wird kein Ministrant?« Hatte nur einer den Mut, sich zu melden; der Rest von uns Jungs war ab diesem Zeitpunkt eingegliedert in die Reihen der Ministranten und das Amt der Heiligen Drei Könige hatten wir zugleich oben drauf automatisch mit inne. Jedes Jahr am 6.1. kam unsere große Stunde.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Ministranten auch als Messdiener bezeichnet werden; doch damals, zu meiner Zeit gab es nur den Titel: Ministrant. Es sind andere Zeiten gewesen. Wir lernten noch auswendig und die Texte mussten sitzen. Ohrfeigen gab es zwar keine mehr, aber der Respekt vor dem Pfarrer war so groß, dass niemand es wagte, textunsicher zu sein. »König Caspar werd’ ich genannt. Mein Reich liegt fern im Morgenland. Zum Glück traf ich die beiden andern, so konnten wir zusammen wandern.«2Vers vor ca. 35 Jahren gesprochen, als ich Kaspar – der Mohr – war.

In den schönsten Prunkgewändern aus der Sakristei gekleidet zogen wir Heilige: Sternträger, Caspar, Melchior und Balthasar mit einem Schlitten durch unser Heimatdorf. Der eisigen Kälte trotzend zogen wir von Haus zu Haus und sagten brav unser Verslein auf. Reichlich Süßes war unser Lohn und manchmal gab’s auch einen Glühwein, der uns von innen wärmte. Damals sah man das noch nicht ganz so eng; mit der Zeit kannten wir die Gepflogenheiten der von uns besuchten Haushalte und legten dementsprechend unsere Routen.

Schön und vor allem immer wärmer ist’s am späten Nachmittag geworden, dem Glühwein sei Dank. Nach ein paar Tassen der inneren Erwärmung hatte unser Sternträger seinen Stock mit aufgesetzen Stern in einem Schneehaufen stecken lassen – vergessen – und wir zogen alle unbemerkt davon weiter. Doch irgendwann stellten wir fest, dass unser Requisite fehlt. Es folgte die große Suche – sie war ernüchternd. Gott sei Dank fanden wir den Stern wieder; er funkelte in einem Schneehaufen vergessen und verlassen vor sich hin; auf dem Dorf war’s damals noch sicher. Ich kann mich an keine Einbrüche oder Diebstähle erinnern; aber vielleicht standen wir Heilige unter einem besonderen Stern.

In diesem Jahr habe ich Original Cortendorfer Räucherkerzen gekauft. Der Duft von weihnachtlichen Weihrauch versetzt mich zurück in meine Ministrantenzeit; wegen ihm schreibe ich diese Zeilen. Weihrauch ist für mich Kirche, die gute alte Zeit als Ministrant. Jetzt sitze ich an meinem Tisch und rieche diesen abendländischen Duft und bin wieder der Ministrant von damals, der den Schlitten durch den Schnee in meinem Heimatdorf zog. Die Welt ist noch überschaubarer gewesen. Social Media, Handy, Google und »Wissen-To-Go« lag noch in weiter Ferne. Es wurden noch Bücher gelesen, Briefe geschrieben und auswendig gelernt.

Sonntags freuten wir uns auf den Sonntagsbraten mit Klößen und im Fernsehen gab’s nur drei Programme. – Erinnerungen, erweckt durch den Geruch von Weihrauch in der Nase. Wenn ihr heute den Heiligen Drei Königen die Türen öffnet, dann achtet ganz genau auf den Weihrauchduft. Vielleicht kennt ihr das auch, dass euch gewisse Düfte an früher erinnern. Ich rieche den Weihrauch, sehe die Heiligen Drei Könige und ich war einer von ihnen.

S.

  • 1
    Die heil’gen drei König’ mit ihrigem Stern. https://www.lieder-archiv.de/die_heilgen_drei_koenig_mit_ihrigem_stern-notenblatt_200049.html
  • 2
    Vers vor ca. 35 Jahren gesprochen, als ich Kaspar – der Mohr – war.
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