Der Freytag: Mit der Vergangenheit gemeinsam geatmet

Und wieder führen meine Wege nach Frankreich. Pulmoll leitet sich vom Wort pulmones (lat.) ab und bedeutet Lungen. 1946 vom französischen Apotheker Jacques Lafarge erfunden wurden die Bonbons im Land der Grande Nation zu einem großen Erfolg. Auch bei mir standen die bordeauxroten Drops in meiner Kindheit hoch im Kurs. Ganz besonders gut schmeckten sie mir, wenn ich sie von meiner Omi bekam, dann war alles wieder gut und die Welt war in Ordnung. Omi hat uns in der Zwischenzeit leider verlassen und ich habe sehr lange keine Pulmolls mehr gelutscht. Letztes Wochenende waren meine Frau und ich wieder zu Besuch in Weimar – eine unserer Lieblingsstädte und zugleich die Heimatstadt meiner Frau. Bereits während der Hinfahrt fing mein Hals an zu kratzen und deutete das kommende Unwohlsein an. Kurzentschlossen und notgedrungen gingen wir zuerst in die Stadt auf der Suche nach etwas, das meinen Hals besänftigen könnte; mir fiel ganz spontan Pulmoll ein. Wir fanden sie sehr schnell. – Es gibt sie also noch, die Pastillen von früher aus meiner Kindheit.

Wir spazierten durch den Park an der Ilm; bewegten uns auf den Spuren von Goethe; sein Park und sein Gartenhaus lagen im Winterkleid still und ruhig vor uns – es lag Weihnachtsstimmung in der Luft. Ich öffnete die Pulmolls; der lange nicht gehörte, dennoch sehr vertraute Klang der Dose, der Geruch der Bonbons, als auch der Geschmack, alles war wie früher, alles erinnerte an früher; im Bruchteil eines Augenblicks befand ich mich zurückversetzt in meine Kindheit. – Sah Omi förmlich neben mir. Der Geschmack war noch wie damals. Mir fielen jetzt die unzähligen Besuche bei Onkel Gustel in Rotenburg ein; bei ihm und bei Tante Lieschen verbrachte ich in meiner Kindheit zahllose Sommertage während der großen Sommerferien. – Onkel Gustel ist der Bruder meiner Omi gewesen; er erlebte als Soldat den Irrsinn des 2. Weltkrieges mit. Ich hörte gerne von Onkel Gustel die Geschichten von früher; wenn er erzählte, hatte ich sofort Bilder und Filme im Kopf, die auch jetzt wieder beim Lutschen der Drops lebendig aufflackerten. Das Leid, über das mir Onkel Gustel sehr lebhaft erzählte, blieb immer in meinem Gedächtnis und vielleicht legte Gustel das Fundament für meine Geschichte- und Literaturinteresse. Was Menschen alles ertragen und erleben mussten – im Laufe unserer Geschichte – ich wünschte mir oft, viele hätten viel weniger Leid erfahren müssen.

Ich roch im Goethepark (Park an der Ilm) auch den sommerlichen Gemüsegarten vom Onkel; Gustel erinnert mich auch an Hochsommer; an unbeschwerte Kindertage, frei von Halsschmerz und Unwohlsein. Die Bilder von Omis Handtasche, in der immer eine Büchse Pulmoll klapperte, flackerten vor meinem geistigen Auge auf, denn auch im Sommer fragte sie mich oft, ob ich einen Bonbon haben möchte – meistens mochte ich und dann gab es einen aus der roten, klappernden Blechbüchse. – Sehr oft mit Flausen im Kopf und Zuckerli im Mund, stapfte ich durchs Bohnenbeet von Onkel Gustels Gemüsegarten und genoss die Sommerferien. Es erinnerte, es roch, es schmeckte alles nach der unbeschwerten, freien und schönen Kindheit, die ich vom Leben – und durch Omis Hilfe – geschenkt bekam – mitten im Goethepark im Winter und gefühlten 1000 Jahren später war alles wieder da – nur durch das Lutschen eines kleinen dunklen Erinnerungs-Drops.

Erinnerungen verblassen im Laufe der Zeit; aber sie sterben nie ganz. Sie sind unzerstörbar vor dem Staub des Vergessens geschützt und warten nur auf dem einen Augenblick der Anregung von außen, um wieder im vollen Glanz unsere Bewusstseinsleinwand zu bespielen. Der Geschmack von Pulmoll befeuerte bei mir ein Feuerwerk an Erinnerungen – inmitten von Kälte, Schnee und Halsweh. – All die Kälte des Lebens und des Ortes und der Zeiten ist verflogen, wenn uns wärmenden Erinnerungen von früher ereilen. Die Sommerwärme in Rotenburg, die familiäre Wärme von Oma und Onkel Gustel, der gerne von früher erzählte und dem ich gerne zuhörte. Heute verstehe ich viele Geschichten von ihm viel besser und mir ist bewusst, dass die Menschen um uns herum Geschenke des Schicksals sind – wir können uns immer an sie erinnern und uns an ihnen erwärmen.

S.

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