Der Freytag: In der Frittatensuppe brennt noch Licht – Begegnungen mit Thomas Bernhard und Lohengrin in Wien.

»Es ist etwas faul im Staate Dänemark«. (William Shakespeares, Hamlet). Es Shakespeared im Land; hoffentlich endet es nicht wie bei Hamlet mit Wahnsinn und Tod. Ich sitze wieder im Kaffeehaus und denke nach. Die Welt gleicht im Moment einem Kaleidoskop. Wobei, Moment; das Wort Kaleidos stammt aus dem altgriechischen kalòs und eidos ab und bedeutet: schöne Bilder. Bin mir soeben nicht mehr so ganz sicher, ob der Vergleich stimmt. Aber, doch; zum Teil schon; denn ich fahre bald nach Wien; in die Weltstadt der Kaffeehäuser und atme ganz tief Glanz und Gloria der alten k. u. k.-Zeit ein; in Wien sehe ich ganz sicher schöne Gemälde – schöne Bilder; koste von allen möglichen Kaffeevariationen; inhaliere den Geist der alten Literaten und natürlich auch von Thomas Bernhard; alle sind eng verwoben mit der Stadt und noch viel enger mit den Kaffeehäusern. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr auf eine Stadt gefreut, wie aktuell auf Wien.

Die Stadt hat es in sich; meine To-do-Wien-Liste wächst. Im Moment sind folgende Ziele notiert:
– Kunst, Gemälde: Der Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel im Kunsthistorischen Museum.
– Kunst, Gemälde: Der Feldhase von Albrecht Dürer in der Albertina.
– Kunst: Der Reichsapfel in der Kaiserliche Schatzkammer im Kunsthistorisches Museum.
– Kaffeehaus: Stammkaffeehaus von Thomas Bernhard, Café Bräunerhof.
– Kaffeehaus: Café Central, hier ist Wiens berühmtester Kaffeehausliterat Peter Altenberg (Urbild des Wiener Kaffeehausdichters) Stammgast gewesen, Anton Kuh, Alfred Polgar und Egon Fridell waren auch dort zu Gast und verfassten im Central ihre Werke.
– Kaffeehaus: Café Hawelka, hier sind der Kunsthistoriker und Publizist Alfred Schmeller, Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Hubert Aratym, Wolfgang Hutter, André Heller uvm. Gäste gewesen.
– Kaffeehaus: Café Griensteidl (1897 leider abgerissen, das heutige Kaffeehaus ist in den 1980er eröffnet worden) und dort schweben noch die Geister von Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Karl Kraus uvw. durch die Räume.
– Die Staatsoper in Wien, hier werde ich gleich zu Beginn die Premiere vom Lohengrin von Richard Wagner anschauen.
– Architektur, Schloss Belvedere, wir wohnen gleich nebenan, ich glaube, dort bin ich sicher häufiger unterwegs.
– Architektur, Domkirche St. Stephan, dort will ich das 12-Uhr- oder 18-Uhr-Läuten aufnehmen.
– Architektur, Schloss Schönbrunn – denke das ist auch klar.
– Beethoven Museum
– Hotel Sacher
– Wiener Zentralfriedhof
– Die Wiener Hofburg
– (Vielleicht der Prater – eigentlich nicht meine Welt).
– Das Hundertwasserhaus
– Die Donauinsel
– Der botanische Garten – wohnen gleich nebenan 🙂
– (Vielleicht die Hauptuniversität – aber die habe ich hier in Deutschland Tag für Tag und ich weiß noch nicht, ob ich das Uni-Leben in Wien brauche).

Bereits jetzt weiß aber ich: Auf nach Wien! Das Hotel ist gebucht; die Opern-Karten für die Lohengrin-Premiere in der Staatsoper sind ausgedruckt und die Zugtickets sind im DB Navigator auf dem Smartphone hinterlegt. Ab nach Wien – und der zweite – vielleicht noch wichtiger – Satzteil, der noch fehlt: Raus aus Deutschland! Ab nach Wien und raus aus Deutschland! Ich scherzte bereits bei Kollegen mit dem Satz: Vielleicht komm’ ich nicht mehr zurück und bleib’ in Wien einfach im Kaffeehaus; schreibe täglich als Kaffeehausschreiber: Texte aus dem Kaffeehaus, für das Kaffeehaus der Weltzivilisation. Thomas Bernhard liegt mir im Blut. Die Welt hat derzeit Text, schöngeistige und philosophische Text als Buchstaben-Reset-Knopf dringend nötig; wenn ich könnte, ich würde sofort alle TV-Stationen abschalten lassen; es gäbe nur noch Zeitung und Radio. Radio zwischen 6 Uhr bis 20 Uhr im Normalbetrieb; von 20 Uhr bis 6 Uhr würden Bücher der Weltliteratur vorgelesen werden; es gäbe Hörspiele: Theaterstücke von Dürrenmatt, Brecht, Bernhard usw. – ich muss an einem Satz von Bernhard denken: »Die Katastrophe fängt damit an, dass man aus dem Bett steigt.« Oder dieser Satz von ihm: »… aus der Vorhölle des Alleinseins in die Hölle des Zusammenseins gehen.« – Dante liegt in der Luft bei diesem Bernhard-Satz (die Göttliche Komödie). Auch das schönste Zitat, das ich je über Kaffeehäuser las, stammt von Thomas Bernhard: »Wie andere in den Park oder in den Wald, lief ich immer ins Kaffeehaus, um mich abzulenken und zu beruhigen, mein ganzes Leben.« Es gibt keinen schöneren Schlusssatz in einer Kolumne. Mein Weltschmerz findet im Kaffeehaus Entkräftung; meine Seele, ihren Frieden und für meinen Geist wirkt jeder Aufenthalt wie Balsam: Aller Weltenkummer ist im Kaffeehaus verflogen und entstofflicht. Auf nach Wien, raus aus Deutschland!

Thomas Bernhard und das Essen…

Fortsetzung folgt …

S.

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