Und es gibt sie doch!

Und es gibt sie doch!

Die Filme, die mitreißen, die nachhallen, die bilden und die sehenswert sind. Gestern sah ich so einen: Nahschuss.

Lars Eidinger spielt die Rolle des Dr. Franz Walter, einem promovierten Ingenieur der Humboldt-Universität. Er erhält vom DDR-Geheimdienst (HVA = Hauptverwaltung Aufklärung) das Angebot, für diesen tätig zu werden, und im Gegenzug wird ihm nach seiner Dienstzeit von einem Jahr eine Professur an seiner ehemaligen Alma Mater zugesichert: Einen Pakt, den der junge Academicus nicht ausschlagen kann – ausschlagen wird. Bereits ab diesem Zeitpunkt, als diese diabolische Übereinkunft geschlossen wird, lässt sich erkennen, wohin seine Reise geht. Die anfängliche Euphorie weicht mehr und mehr der Ernüchterung und lässt Franz erkennen, für welch menschenverachtendes System er sich hergab: Es folgt eine Flucht in Alkohol und Verdrängung. Im weiteren Verlauf rückt die zugesicherte Professorenstelle in weiter Ferne mit der Folge, dass Franz innerlich zerbricht.

Während der gesamten filmischen Erzählung gerät man selbst gefühlt in die Zeit von damals nach Ost-Berlin, viele alte DDR-Utensilien begegnen einem und es schwingt in jeder Sekunde der Geist der DDR-Zeit mit. Jedem, auch denen, die dieses System nie am eigenen Leib erfahren haben, wird sehr anschaulich vor Augen geführt, wie dieses System funktionieren konnte: durch Belohnung und Bestrafung. – Die Mitläufer wurden begünstigt, der Rest sah ein anderes Gesicht des Systems. Ich fühlte mich erinnert an Georg Büchners Drama “Dantons Tod” – dort heißt es: “Ich weiß wohl – die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eignen Kinder.” – im Volksmund besser bekannt unter: Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.

Um verstehen zu können, was ein sozialistisches Gesellschaftssystem ist, wie dieses inmitten von Europa zur Zeit des Kalten Krieges funktionierte und was es für den Einzelnen bedeuten konnte, zeigt dieser Film in einer einzigartigen, fesselnden bebilderten Geschichte. Diese knapp zwei Stunden Filmspielzeit sind gut investiert, um dieses Stück Zeitgeschichte besser nachvollziehen zu können.

Bei mir hallt der Film immer noch nach und ich gebe ihm das Prädikat: MUST SEE!

S. Noir

Anm.: Nahschuss ist ein Filmdrama von Franziska Stünkel, das am 12. August 2021 in die deutschen Kinos kam. Der Film ist von der Lebensgeschichte des Werner Teske inspiriert, des letzten Hinrichtungsopfers in der DDR.

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