Feuilleton – Stationen: Dichter & Denker – Weihnachtliches Waldflüstern


Weihnachtliches Waldflüstern

Die geplante Wandertour hätte regulär nur zwei Stunden gedauert; das sagte uns zumindest der Wanderführer. Daher haben wir uns auch Zeit gelassen und waren erst gegen zwei Uhr an diesem Samstagnachmittag am Ausgangspunkt der Route. Es war Anfang Dezember und wir waren weit ab vom Schuss – keine Zivilisationsgeräusche; als wir uns auf den Weg begeben hatten, lag bereits ein leichter Nebelschleier im Wald vor uns und er hüllte und verhüllte die Bäume in eine mystische – unwirkliche und märchenhafte – Stimmung.

Die Natur ist zu dieser Jahreszeit so friedlich und still – man möchte meinen, sie weiß, dass Weihnachten vor der Tür steht. Wir stoppten ab und an und nahmen ein paar Fotos von dieser märchenhaften Waldstimmung auf – sie war wirklich außergewöhnlich. Eine dünne Eisschicht überzog viele Bäume und kleidete deren Äste in einen frostigen Umhang: Ein Anblick mit Seltenheitswert.

Zunächst war alles noch normal, der Weg war bekannt, die Sicht gut und wir kamen gut voran; das Fotografieren verzögerte den Ablauf, aber wir hatten dies mit einkalkuliert und es hätte alles gut verlaufen können. Es wurde später; der Nebel wurde dichter und wir waren bereits drei Stunden unterwegs und so langsam hätten wir auch wieder am Ausgangspunkt ankommen müssen; nur war dieser weit und breit nicht zu sehen. Es war unsere erste Wanderung seit langem gewesen und wir hatten keine technischen Hilfsmittel dabei; auch eine Taschenlampe hatten wir nicht. Wir liefen weiter und es wurde immer dunkler. Die Dämmerung setzte ein.

Gott sei Dank bedeckte bereits der Schnee leicht den Waldboden und obwohl der Himmel von Wolken verhangen war, so schien dennoch leicht das Licht des Vollmondes durch die Wolken und wir hatten zumindest bei diesem Umstand Glück und konnten noch einigermaßen gut im Wald sehen. Irgendwann – rückblickend kann keiner mehr genau sagen, wann wir vom Weg abgekommen waren – bemerkten wir, dass wir uns auf einer völlig falschen Route befanden. Die Tour-Nummer, die von Zeit zu Zeit am Weg angebracht war, war jetzt eine völlig andere und den alten Tour-Weg fanden wir nicht mehr.

Jetzt war alles offen; zwischenzeitlich war auch die Dämmerung vorbei und es war Nacht. – Ich bin schon lange nicht mehr fernab von der gewohnten Zivilisation nachts im Wald gewesen; erstaunlich war, dass wir alle sehr gelassen und kühl blieben und rational versuchten, wieder auf den richtigen Weg zurückzufinden – im Wald war es völlig still; ich fühlte mich in diesem Augenblick überhaupt nicht verloren oder hilflos; ganz im Gegenteil: es war, als wäre man im Großen und Ganzen des Daseins eingebettet – ein Teil von etwas – ohne Angst. Diese Waldstimmung habe ich noch nie erlebt. Wir passten auch unsere eigene Tonlage der Situation an: Wir flüsterten und wir sprachen sehr besonnen – ein weihnachtliches Waldflüstern inmitten der stillen Nacht.

Irgendwann kreuzte wieder ein Weg den unsrigen; er kam uns sehr bekannt vor: Es war der Teil des Weges, den wir bereits nachmittags gelaufen waren. Einerseits war es gut, wieder auf der richtigen Fährte zu sein, andererseits wussten wir jetzt auch, dass wir nochmal drei Stunden unterwegs sein werden und es für die nächsten vier Kilometer steil bergauf geht. Wir erreichten nach circa sieben Stunden Waldwanderung, tief in der Nacht, unseren Ausgangspunkt, völlig erschöpft aber irgendwie auch glücklich, diese wunderbare Stimmung miterlebt zu haben: das weihnachtliche Waldflüstern.


Lyrik: Weihnachtliches Waldflüstern

Am Ende der Zeit –
am Ende des Jahres:
Schnee dämpft jeden Schritt.

Mit jedem Meter auf dem Weg
wird der Abstand immer größer;
im Wald: man sucht den festen Tritt.

Ein Bächlein trägt
mit viel Ruhe
das Leben in Richtung Meer.

Die Gedanken sind klar,
die Luft ist frostig
und der Kopf ist ganz leer.

Das Eis
bezwingt den See;
Stück für Stück und ganz leise.

Still ist es geworden.
Doch da am Horizont
singt eine kleine Meise.

 

SN


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